Blog-Eintrag

Wie die (Volks-)Musik zu mir kam

11.09.2009 - Ich weiß nicht so recht wo meine Begeisterung für die Volksmusik, bzw. den volkstümlichen Schlager ihren Ursprung hat. Eine Vermutung wäre Frederick Vahle, von dem meine Geschwister und ich eine Kassette besaßen und welche wir während unserer Kindheit hoch und runter hörten. Frederick Vahle verstand es wie kein anderer Volkslieder umzutexten und diese so Kindern zugänglich zu machen. Zum Beispiel textete er »Im Märzen der Bauer« zu »Warum ist der Bauer sauer?« um. Mein damaliges Lieblingslied.

Eine wichtige volksmusische Grundlage, wurde aber erst viele Jahre später geschaffen, als ich nämlich anfing mich an Wochenenden regelmäßig zu besaufen. Dies hatte zur Konsequenz, dass ich Sonntagmorgens verkatert aufwachte und mich nicht aus dem Bett bewegen konnte. Ich hatte damals einen Fernseher mit Zimmerantenne in meinem Schlafzimmer und folglich waren die ersten drei öffentlich-rechtlichen Sender, die einzigen die ich empfangen konnte. Nachdem ich mir den Schlaf aus den Augen gewischt hatte, griff ich in der Regel zur Fernbedienung und ließ mich vom TV berieseln. Wenn ich Glück hatte, konnte ich auf dem Dritten die Sendung mit der Maus kucken, diese fand ich schon immer sehr Unterhaltsam. Meistens lief aber irgend so ein anderer langweiliger Kram. Beim Ersten war ich mit dem Wort zum Sonntag auch nicht besser bedient. So blieb mir nur noch das Zweite mit dem ZDF-Fernsehgarten. Wenn jetzt nicht solche Deppen wie Costa Cordalis mit Sohnemann auftraten und versuchten einen auf fetzig zu machen, so war das doch eine recht unterhaltsame Sendung. Somit begannen viele Sonntagmorgen mit schunkelnden Omas, freundlich lächelnden Interpreten, traditionellen Kostümen und mit Verbundenheit zur jeweiligen Herkunftsregion der Künstler.

Zur gleichen Zeit etwa, absolvierte ich meinen Zivildienst in einem Behindertenwohnheim mit 15 körperlich und geistig behinderten Erwachsenen. Eine davon war Iris, eine junge Frau Anfang dreißig mit Down-Syndrom und total verzogen. Wie so oft bei behinderten Menschen, meinen die Eltern etwas gut machen zu müssen und verhätscheln sie dann total. Nachher gehen die in keine Fuhr mehr. Das ist wie bei gesunden Kindern auch.

Iris jedenfalls, besaß Unmengen an Kassetten, die man ihr mit Musik überspielt hatte. Ich selbst hab sie seltsamer Weise nie wirklich Musikhören gesehen. Ihre Mutter kam einmal pro Woche vorbei um etwas Zeit mit ihr zu verbringen, nach Wäsche kucken, etc. Irgendwann hat sie dann auch mal Tabula rasa mit den ganzen Kassetten gemacht und wollte einen ganzen Schuhkarton davon wegschmeißen.

Damals waren wir noch ein paar Jahre vom privaten CD-Brenner entfernt und von MP3s wusste auch noch niemand. Jeder hatte aber Kassettenrekorder, zu Hause sowie im Auto. Mein Konsum an Audiokassetten war damals recht hoch, war ich doch dabei all meine CDs auf Kassette zu überspielen um sie auch beim Autofahren hören zu können. Auch lief mein 4-Spur-Rekorder mit normalen Kassetten. Und Demos von der Band gab’s auch nur im Kassettenformat. Alles lief über Kassetten damals. Was heute der CD, bzw DVD-Rohlling ist, war damals die Kassette, bloß dass Kassetten mehr gekostet haben, als heute ein CD-Rohling.

Glücklicherweise war ich bei dieser Säuberungsaktion zugegen und konnte den prall mit Kassetten gefüllten Schuhkarton abfangen, bevor dieser in der Mülltonne landete.

Ich begann damit die Kassetten mit meinen CDs zu überspielen. Viele nur zum Teil, was zur Folge hatte, dass zum Beispiel nach einer Stunde Sonic Youth auf einmal Stefanie Hertel anfing zu trällern: »So a Stückerl heile Welt hab ich beim Himmel heut bestellt, Sonne und Regen, so a bisserl von jedem.« Noch heute könnte ich das auswendig mitsingen. Stefanie Hertel hat mich sicherlich sehr geprägt. Mit gerade mal 14 oder 15 Jahren war sie damals, genau wie Stefan Mross, ein aufsteigender Stern am Volksmusikhimmel. Wer hätte damals geahnt, dass Stefan Mross eigentlich gar nicht Trompete spielen kann. Noch heute verstehe ich nicht, warum Stefanie Hertel mit diesem Stümper liiert ist. Was hat er, was ich nicht hab???

Ich fing an auch die Kassetten zu hören, die ich nicht überspielt hatte und so machte ich auch Bekanntschaft mit dem volkstümlichen Schlager, bzw Schlager. Zwei meiner damaligen Lieblingslieder sind Freddy Quinns »Zwei von Tausenden« (eine Adaptation des »Little Drummer Boy«) oder Adam & Eves »Wenn die Sonne erwacht in den Bergen«, das gleich in drei Sprachen vorgetragen wird. Deutsch, Englisch und Französisch. Genial, … darauf muss man erst mal kommen!

Die Initialzündung aber, wurde mir auf einer wirklich wüsten Party (Insidern möge hier der gesetzlose Mob erwähnt werden) in die Hand gedrückt. Ein Kollege fand beim Gastgeber eine Original-Kassette mit Volksmusik und schenkte sie mir. Wie sich beim ersten Anhören herausstellte, waren auf dieser Kassette ausschließlich volksmusische Super-Hits. Ich war mehr als begeistert. Die beiden Lieder, die einen bleiben Eindruck hinterlassen sollten, waren eine Blaskappellenversion von »Oh wie bist du schön« und eine Akustik-Version des Liedes »Heut kommt der Hans zu mir«. Letzteres hat etwa 7 oder 8 Strophen und es wird viel gejodelt. Jahre später sollte ich es in Japan auf der Abschlussfeier meines Japanischkurses vortragen. Ich spielte Gitarre und sang die Strophen, die Japanischlehrer der Schule, sichtlich verlegen, sollten jodeln. Es war ein großer Spaß.

Zurück zum ZDF-Fernsehgarten. Dieser organisierte nämlich irgendwann mal einen Talentwettbewerb und rief Nachwuchstalente des volkstümlichen Schlagers dazu auf, ihre Bewerbungen einzuschicken. Ausgewählte Kandidaten würden dann im ZDF-Fernsehgarten eins ihrer Lieder vortragen dürfen. Das war die Geburtstunde von Saar-Express. Kennern der saarländischen Volkmusik wird dieser Name sicherlich ein Begriff sein. Kein anderes Musikantenduo machte den saarländisch-volkstümlichen Schlager Mitte der Neunziger so populär wie Saar-Express.

Für Saar-Express verpasste ich mir den Künstlernamen Jean-Claude Poilaucul und zusammen mit meinem Wegegefährten Johnny Overdrive (auch bekannt als Tim Hayek von The Homepages) schrieben wir zwei Lieder, die uns den Weg zum ZDF-Fernsehgarten ebnen sollten: »So allein (Judith)« und »Der Bergmann von der Saar«.

Ein Herz-Schmerz-Lied und ein Lied der Heimatverbundenheit, welches die harte Arbeit der Bergleute würdigen sollte, aufgrund welcher das Saarland zu dem aufstieg, was es heute ist. »Der Bergmann von der Saar« war ein Hit, davon waren wir überzeugt. Eine eingängige Melodie, ein Schunkel-Rhythmus, ein Mitsingrefrain (»Der Berschmann von der Saar, schafft so hart das ganze Jahr; Der Berschmann von der Saar, schafft am liebschde unner daach«) und Identifikation. Kurz: alles, was ein erfolgreicher volkstümlicher Schlager braucht. Die Jury des ZDF-Fernsehgartens sah das leider anders und strich uns aus der engeren Auswahl.

Ein herber Rückschlag. Hatten wir uns zuviel vorgenommen? War ein Auftritt im ZDF-Fernsehgarten für eine Musik-Combo, die erst seit ein paar Wochen existierte, zu hoch gegriffen? Doch wo sollten wir Auftreten, wenn nicht im ZDF-Fernsehgarten? Ernüchterung tat sich breit.

War dies das Ende der junge Karriere von Saar-Express? Nein! Im Gegenteil, es war erst der Anfang. Wir folgten zunächst dem Ruf einer zweibrücker Institution in Sachen Volksmusik: die Rosenkinder Zweibrücken. Wir eröffneten für die Rosenkinder ein Musikfest in Zweibrücken. Es war ein ermutigender Anfang, denn wir wussten nicht nur die aus dem Saarland angereisten Fans zu begeistern, auch das kritische Pfälzer Publikum ließ sich durch Saar-Express überzeugen. Die auf unsere Performance folgenden unzähligen Autogrammanfragen zeugten vom Erfolg dieses Auftritts.

Mit diesem Erfolg als Rückenwind, war es nun an der Zeit, auch im Saarland aufzutreten. Ein Traum würde für mich in Erfüllung gehen. Nicht nur, dass ich nun zusammen mit Johnny volkstümlichen Schlager komponierte und aufführte, nein, ich würde dies jetzt auch noch vor heimischem Publikum tun, auf saarländischem Boden. Für heimatverbundene Musikanten wie Johnny und mich, ist dies das höchste Gefühl des Glücks.
Unser erstes Konzert im Saarland ließ also nicht lange auf sich warten und es wurde zu einem hinreißenden Erfolg. Erstmalig führte Saar-Express eine Tanz-Choreographie zu dem schon oben erwähnten »Oh wie bist du schön« auf. Eine Hommage an diese Kassette die bei mir den Funken der Volksmusik hat überspringen lassen.

Das Publikum jedenfalls jodelte vor Begeisterung und wollte uns nicht mehr von der Bühne lassen. Leider ermöglichte der Zeitplan der Veranstaltung keine Zugaben. Professionalität hat schließlich oberste Priorität in diesem Geschäft. Wir gaben uns aber auch hier, während der anschließenden Autogrammstunde, volksnah. Unsere Autogrammkarten und unsere Debüt-Kassette »Einsame Zweisamkeit« gingen unter die Leute wie warme Semmel. Und dann all den Dank und all die Glückwünsche die wir erhielten, ich war fast zu tränen gerührt. Eine solche Herzlichkeit gibt es nur im Saarland.

Es sollte nicht der letzte Auftritt von Saar-Express sein. Heute jedoch ist Saar-Express saarländische Geschichte. Johnny lebt in Singapur und ich in Montreal. Ist es die Ironie des Schicksals, dass gerade wir beide, da wir so oft von Heimatverbundenheit sangen, heute so weit von der Saar entfernt leben?
Ironie des Schicksals auch, dass das letzte von Saar-Express veröffentlichte Lied, »Die Ode an die Saar«, von einem Saarländer handelt, der weit entfernt auf einer tropischen Inseln weilend, sich nach seiner Saar sehnt. Hier der Refrain:

Denn zu Hause, da fließt die Saar
Durch Städte, Wälder, Wiesen
Sie fließt das ganze Jahr
Nur ich, ich bin nicht da.


Zu dem damaligen Zeitpunkt hatten wir wirklich nicht die geringste Idee, dass es uns so weit in die Ferne schlagen würde. Ehrlich!

Heute bin ich weit weg von Blasmusik und volkstümlichen Schlager. Die Szene in Montreal gibt diesbezüglich nichts her. Einen Kassettenrekorder hab ich hier auch nicht, was, wenn ich genau überlege, eine Schande ist. Aber immer wenn ich auf Heimaturlaub bin und Mutters Auto borge, so läuft im Autoradio selbstverständlich die gute alte Original-Kassette mit Volksmusik die mir damals geschenkt wurde. Sie ist eine von den drei Kassetten die ich vor Jahren bei meiner Mutter im Auto hab liegen lassen. Und Mutter schmeißt nix weg. Das ist gut so.

(Der Autor Jean-Claude Poilaucul ist ein saarländischer Volksmusikant, der bis heute nicht verstanden hat, warum er trotz des 6 Monate währenden Winters noch immer in Montreal, Quebec lebt. Insidern der NKRC-Community ist er auch als Mifune Funabashi bekannt.)

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